HESSISCH OLDENDORF
Großenwieden auf dem Weg zur Zwergschule
Großenwieden (ah). Geburtenzahlen bestimmen über den Schulstandort – eine Tatsache, die angesichts des demografischen Wandels auch im Hessisch Oldendorfer Stadtgebiet mit seinen fünf Grundschulen Veränderungen herbeiführen wird. Im Februar 2010 waren in Hessisch Oldendorf (mit Schulkindergarten) 297, in Fischbeck 221, in Heßlingen 95, in Hemeringen und Großenwieden 64 Schülerinnen und Schüler angemeldet. Wenngleich auch an den beiden großen Schulen die Schülerzahlen rückläufig sind, sich in der Kernstadt zukünftig sogar um ein Viertel verringern werden, seien sie „in ihrer Substanz gesichert“, erklärt Bürgermeister Harald Krüger.
Ebenso sei der Schulstandort Südweserseite, sprich die aufgrund ihrer Schülerzahlen auch liebevoll „Zwergenschulen“ genannten Grundschulen in Heßlingen und Hemeringen, für die nächsten zehn Jahre gesichert. Dort rechne man weiterhin mit insgesamt über 30 Kindern pro Jahrgang und somit zwei Klassen, so das Stadtoberhaupt. Basierend auf diesen offiziellen Prognosen sei schließlich in Baumaßnahmen investiert worden, fügt er hinzu. In zwei Jahren wird Heßlingens Schulleiterin Waltraud Matter-Wiemann in den Ruhestand gehen. Dann wäre Gelegenheit, strukturelle Veränderungen vorzunehmen, etwa zwei Schulstandorte unter einer Leitung in Hemeringen einzurichten. Aber das sind vorerst nur Spekulationen.
Keine Spekulationen sind die Zahlen, die Fachbereichsleiter Klaus-Dieter Leupold vorliegen. Sie sind auf dem allerneuesten Stand und offenbaren, dass eine Schulstandort-Diskussion notwendig ist: An der Grundschule in Großenwieden, deren Schülerzahlen bislang mit denen Hemeringens nahezu identisch waren, wurden nur sieben Kinder für die erste Klasse im Schuljahr 2010/11 angemeldet. Statt 64 Schüler werden dann nur noch 50 die Zwergschule besuchen. Erstmals wird daher eine Kombiklasse mit der zukünftigen zweiten Klassse gebildet, in der 14 Schüler sind und in der in den Nebenfächern gemeinsamer Unterricht stattfindet.
Mit einer Kombiklasse fing es auch damals an der Grundschule Rohden/Segelhorst an, die 2006 trotz massiver Proteste der Eltern geschlossen wurde. „Wir haben keine Angst vor einer Kombiklasse, in den Hauptfächern bleiben ja Erst- und Zweitklässler unter sich“, sagt Elternvertreterin Manuela Söffker. Sie erzählt, dass Erstklässler und Kindergartenkinder, die zukünftig die Kombiklasse bilden werden, gemeinsam im Schneegrund übernachtet und sich dort näher kennengelernt haben. „Unsere Schule ist genial, bei uns ist der Zusammenhalt sehr gut und der Elternverein stark“, lobt sie. Die Welsederin weiß, wovon sie redet, hat sie doch bereits zwei Kinder durch die Grundschulzeit begleitet, ihr drittes und jüngstes Kind kommt in die zweite Klasse.
„In Großenwieden werden die Kinder auf die weiterführende Schulzeit hervorragend vorbereitet“, sagt sie und ihr Mann, Lutz Söffker, erklärt: „Die Qualität der Leistung ist unserer Erfahrung nach höher zu bewerten als in Hessisch Oldendorf.“ Ihr ältester Sohn habe im Gymnasium in Hameln keine Startschwierigkeiten gehabt. Auch die Tochter von Nicolle und Michael Steding aus Welsede besucht die Grundschule in Großenwieden. „Diese kleinen Schulen sind so wunderbar familiär“, sagt Nicolle Steding und fügt hinzu: „Ich hätte das früher auch gerne so gehabt.“
Angesprochen auf die Zukunft in Großenwieden, stellt Harald Krüger klar: „Nur aufgrund der Haushaltslage wird keine Grundschule geschlossen.“ Die Schließung einer Schule spare nicht zwingend Geld ein, da die Weiternutzung des Gebäudes in städtischer Hand bleibe. „Ich würde die Diskussion unter Qualitätsgesichtspunkten sehen“, sagt er und betont, an dieser Stelle seien die Pädagogen gefragt. Natürlich gebe es ein differenzierteres Angebot in größeren Schulen, so der Bürgermeister. Zudem sei es eine riesige Herausforderung für ein kleines Kollegium wie in Großenwieden, ohne Rektorin zu arbeiten.
Seit Jahren versieht Heidrun Finger kommissarisch, aber nichtsdestotrotz mit vollem Einsatz diese Stelle, da sich niemand auf die Ausschreibung meldete; in zwei Jahren wird sie in den Ruhestand gehen. Die kommissarische Leiterin sieht kleine Lerngruppen als Vorteil für Schüler und Lehrer und fühlt sich darin durch die vor Ostern erfolgte Schulinspektion bestätigt.
Diese hat die Unterrichtsatmosphäre ebenso wie die Zusammenarbeit mit dem angrenzenden Kindergarten als besonders gut beurteilt. Die vier Lehrkräfte und eine pädagogische Mitarbeiterin, die wegen der Kombiklasse Stunden abgeben müssen, vertrauen mit Blick auf den Standort auf eine frühere Aussage von Bürgermeister Krüger, die da lautete: „Kleine Füße, kurze Wege.“ Immer wieder hat die Grundschule Großenwieden in der Vergangenheit durch Theaterprojekte auf sich aufmerksam gemacht und Anerkennung erfahren. „Das Theaterspielen ergänzt unseren Unterricht, weil die Schüler dabei in Sprechen, Lesen und Schreiben spielerisch gefördert werden und erfahren, dass sie in jeder Rolle wichtig sind“, erklärt Lehrerin Ute Guerrero. Wenn auch das weitere Angebot nicht mit dem größerer Schulen standhalten kann, bieten doch Schulband, Fußball-, Handball- und Schach-AG an der Verlässlichen Grundschule willkommenen Ausgleich. „Aufgrund der geringen Zahl der Schulanfänger ist in Großenwieden auf jeden Fall Handlungsbedarf“, betont Harald Krüger. Er verweist darauf, dass es in der viertgrößten Ortschaft im Stadtgebiet keine neuen Baugebiete und somit keinen zu erwartenden Zuzug gibt. Da das Gebiet um Großenwieden und Kleinenwieden im Hochwasserbereich der Weser liegt, werden dort keine Baugebiete mehr ausgewiesen werden können. Mit der Einrichtung einer Kombiklasse wird nun ein erster Schritt getan. Ein denkbares zukünftiges Modell könnten zwei Schulstandorte (in Großenwieden und der Kernstadt) unter einer Leitung (Grundschule am Rosenbusch) sein.
Angesprochen auf die Diskussion um die Zukunft der Grundschulen in Salzhemmendorf, stellt der Bürgermeister klar: „Ein Neubau für einen einzigen Schulstandort im Stadtgebiet – darüber denkt hier keiner nach.“ Das kommunale Betreuungsangebot für Hessisch Oldendorf und die Ganztagsschule in Hemeringen seien die aktuellen Themen der Schulentwicklungsplanung, die im Fachausschuss aufbereitet werden, betont Bürgermeister Krüger.